Vorlage - 4796/15-MV

Betreff: Seniorengerechtes Wohnen in Salzgitter - Zwischenbericht
Status:öffentlichVorlage-Art:Mitteilungsvorlage
Federführend:50 - Fachdienst Soziales und Senioren   
Beratungsfolge:
Ausschuss für Soziales und Integration Information
03.02.2011 
28. nichtöffentliche/öffentliche Sitzung des Sozial-und Integrationsausschusses Kenntnisnahme bzw.Beschlussvorbereitung   
Seniorenbeirat Information
10.02.2011 
23. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Seniorenbeirates Kenntnisnahme bzw.Beschlussvorbereitung   
Verwaltungsausschuss Information
Rat der Stadt Salzgitter Information
23.02.2011 
47. Nichtöffentliche/öffentliche Sitzung des Rates der Stadt Salzgitter Kenntnisnahme bzw.Beschlussvorbereitung   

Sachverhalt
Finanzielle Auswirkungen
Anlage/n

Mit Beschluss des Rates vom 10.03.2010 wurde die Verwaltung gebeten, bis zum Jahresende 2010 ein Handlungskonzept für Seniorengerechtes Wohnen in Salzgitter vorzulegen.

 

Hierzu wird folgender Zwischenbericht vorgelegt.

 

Der demografische Wandel und die damit verbundenen Veränderungen der Bevölkerungsstrukturen erfordern einen Paradigmenwechsel bei der Gestaltung von zukunftsorientierten Wohn- und Lebensformen für Seniorinnen und Senioren in Salzgitter. Die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen beinhaltet sowohl eine altersgerechte Wohnraumversorgung als auch ein entsprechendes Wohnumfeld und quartier (Die Begriffe „altersgerecht“, „barrierearm“, „seniorengerecht“ und barrierereduziert“ werden synonym verwendet. Die Mindestanforderungen an eine barrierearme Wohnung sind an die DIN 18025 Teil 2 angelehnt). Die altersgerechte Anpassung von Wohnungsbestand, Wohnumfeld und Infrastruktur muss in einem Gesamtzusammenhang gesehen werden.

 

Die regionalen Unterschiede in den Lebensbedingungen älterer Menschen sind insbesondere in peripheren Randlagen oder ausgennten ländlichen Räumen erheblich. Die lokale Verwurzelung ist oft sehr ausgeprägt und die Gefahr des Entstehens von Altersproblematiken und Defiziten in der Versorgung ist dort besonders hoch. Ein selbstständiges Leben im Alter mit sozialer Teilhabe ist nur schwer umzusetzen.

 

1.    Demografische Entwicklung

 

Am 31.12.2009 lebten in Salzgitter 102.627 Personen mit Hauptwohnsitz. Davon waren 29.857 Personen 60 Jahre oder älter, dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 29,1 %. 5.885 Personen sind hochbetagt, also 80 Jahre und älter = 5,7 % aller Einwohner.

 

 

Die Vorausberechnungen für 2018 und 2023:

 

 

31.12.2009

 

31.12.2018*

 

31.12.2023*

 

Einwohner gesamt

102.627

100%

92.648

100%

86.842

100%

  0 19 Jahre

19.864

19,4%

16.394

17,7%

15.540

17,9%

20 59 Jahre

52.906

51,6%

45.775

49,4%

40.495

46,6%

60 Jahre und älter

29.857

29,1 %

30.478

32,9%

30.806

35,5%

80 Jahre und älter

5.885

5,7 %

8.155

8,8%

8.610

9,9%

*Vorausberechnung durch 02.2

 

r Salzgitter wird in den nächsten Jahren ein Bevölkerungsckgang prognostiziert. Allein bis 2018 könnte demnach die Bevölkerung um 9.979 Personen abnehmen, bis 2023 sogar um 15.785 Personen.

 

Die Altersgruppe der Senioren ab 60 Jahren könnte voraussichtlich zwar absolut bis 2018 nur um 621 Personen bzw. bis 2023 um 949 Personen anwachsen. Da die anderen Altersgruppen zahlenmäßig abnehmen würden, wüchse der Anteil der Senioren von 2009 bis 2018 um 3,8% und bis 2023 um 6,4%.

 

 

Der Anteil der Hochbetagten an der Bevölkerung könnte von 5,7% auf 8,8% (2018) bzw. 9,9% (2023) ansteigen.

Auf diese dramatische Entwicklung hat die Stadt Salzgitter Anfang 2007 mit dem Konzept „Salzgitter - die Kinder- und familienfreundliche Lernstadt“, das langfristig und nachhaltig wirkt, reagiert.

 

2.    Altersgerechte Wohnraumversorgung

 

Das altersgerechte Wohnen muss gesondert von den Sonderwohnformen Altenheim oder Altenwohnanlage betrachtet werden. In Salzgitter leben zwar fast 30.000 Menschen über 60 Jahre, davon jedoch lediglich ca. 4% in Altenheimen. Der Versorgung mit seniorengerechtem Wohnraum kommt daher eine besondere Bedeutung zu.

 

2.1.           Wohnungen

25% des Gesamtwohnungsbestandes in Salzgitter machen Mehrfamilienhäuser aus, während der Bestand der 1- und 2-Familienhäuser 75% beträgt (Basierend auf dem Ergebnis der Volkszählung 1987 und jährlicher Fortschreibung). Diese Zahlen belegen, dass die quantitativ bedeutsamste Gruppe nicht die Wohnungswirtschaft, sondern die privaten Hauseigentümer darstellt. Nach einer bundesweiten Erhebung wohnen 48% aller Altershaushalte im Bereich des selbstgenutzten Wohneigentums (Telefonische Befragung durch TNS Emnid Medien- und Sozialforschung GmbH im Auftrag des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.).

 

In Anbetracht des Alters vieler Mehrfamilienhäuser (rd. 84% aller Wohnhäuser in Salzgitter sind älter als 20 Jahre) muss davon ausgegangen werden, dass viele Wohnungen erhebliche bis große Barrieren beim Zugang aufweisen. Selbst Erdgeschosswohnungen liegen zumeist in Halbgeschossen mit Treppenzugang. In den Wohnungen sind insbesondere in den Bädern und Toiletten zu geringe Bewegungsflächen. Bundesweit leben in rd. 23% der Altershaushalte Menschen mit motorischen Bewegungseinschränkungen, die auf die Benutzung einer Gehhilfe, eines Rollators oder Rollstuhls angewiesen sind.

 

In Salzgitter hat bislang lediglich die Wohnbau Salzgitter Zahlen zur Struktur des  Wohnungsbestandes vorgelegt. Im dortigen Wohnungsbestand befinden sich ca. 10% (434) barrierearme bzw. barrierefreie Wohnungen, 6,6% aller Wohnungen sind mit einem Aufzug erreichbar.

 

Im Rahmen eines „Runden Tisches“ mit der Wohnungswirtschaft soll in den nächsten Monaten eine Bestandserhebung für das gesamte Stadtgebiet durchgeführt und Strategien für das „Älter werden im Quartier“ entwickelt werden. Den Gesellschaften kommt eine entscheidende Rolle bei der Quartiersgestaltung zu, wobei das private, selbstgenutzte Wohn- und Hauseigentum nicht außer Acht gelassen werden darf.

 

2.2.           Betreutes Wohnen

Betreutes Wohnen ist eine Wohnform für ältere Menschen, bei der neben dem altersgerechten Wohnangebot eine Grundversorgung gesichert ist und im Bedarfsfall weitere Dienstleistungen vermittelt werden. Jeder Bewohner bewohnt eine eigene, abgeschlossene Wohneinheit. Zusätzlich zum Mietvertrag wird mit dem Vermieter ein pauschaler Betreuungsvertrag mit einem fest benannten Leistungsumfang zur Sicherstellung einer Grundversorgung abgeschlossen, der für alle Mieter der Wohnanlage gilt. Der Betreuungsvertrag läuft über 2 Jahre.

 

Der Begriff des „Betreuten Wohnens“ ist nicht geschützt, obgleich die DIN 77800 die Anforderungen an diese Wohnform beschreibt. Insofern wird mit der Begrifflichkeit von unterschiedlichen Anbietern legal geworben, ohne das die Qualität des Angebots einer Prüfung unterzogen werden kann. Auch das Heimgesetz schließt das Betreute Wohnen von der Heimaufsicht aus. Eine soziale Abfederung der entstehenden Mehrkosten ist allenfalls über eine Wohngeldgewährung denkbar.

 

In Salzgitter bieten derzeit 5 Anbieter insgesamt 276 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe im Rahmen des „Betreuten Wohnens“ an.

 

2.3.           Wohn- und Hausgemeinschaften

Eine Möglichkeit des Zusammenwohnens innerhalb einer Mietwohnung oder eines Hauses bietet eine Seniorenwohngemeinschaft. Jeder Bewohner verfügt über eine eigene Wohnung bzw. ein eigenes Zimmer. Innerhalb einer Wohnung werden Bad und Küche und ggf. ein Gemeinschaftsraum von allen Bewohnern gemeinsam genutzt. Innerhalb einer Hausgemeinschaft könnte eine Wohnung als Treffpunkt für soziale Kontakte dienen. Es gibt verbindliche Regeln zu den anfallenden Hausarbeiten und sonstigen Aufgaben, die die Bewohner gemeinsam festlegen. Soziale Kontakte sind ständig vorhanden, wenn dies gewünscht wird. Doch auch die Privatsphäre ist gesichert und gegenseitige Hilfe und Unterstützung unter den Bewohnern ist möglich.

 

Eine Projektplanung des Seniorenbüros in Salzgitter-Bad unter Beteiligung eines Wohnungsbauträgers scheiterte bislang, da geeigneter Wohnraum nicht zur Verfügung gestellt werden konnte.

3.    Wohnumfeld und Infrastruktur

 

Die Barrierefreiheit bzw. armut spielt nicht nur innerhalb der Wohnung sondern auch in der Gestaltung des Wohnumfeldes eine zentrale Rolle für Seniorinnen und Senioren. Ein altersgerechtes Wohnumfeld ist gekennzeichnet durch

 

?         ausgebaute Zuwegungen,

?         nke zum Ausruhen und Verweilen,

?         Rampen zur Überwindung von Steigungen,

?         gute Ausleuchtung,

?         Erreichbarkeit von medizinischen Einrichtungen (Ärzte, Apotheken etc.),

?         Verfügbarkeit von Einzelhandel,

?         Erreichbarkeit und/oder Engmaschigkeit des ÖPNV,

?         Freizeitmöglichkeiten (Schachfeld o.ä.).

 

Ein seniorenfreundliches, funktionelles und sicheres Wohnumfeld kann in Zusammenarbeit mit den Wohnungsbauträgern und eigentümern geschaffen oder optimiert werden. Auch diese Thematik soll im Rahmen des „Runden Tisches“, aber auch in den vom Seniorenbüro initiierten Bürgerforen in den Ortschaften erörtert werden. Bezogen auf die Merkmale medizinische Versorgung, ÖPNV und Einkaufsmöglichkeiten beurteilten bundesweit 60% der Befragten die Situation als „gut“, 40% waren mit der Situation nicht zufrieden. In Salzgitter erfolgte eine Bürger- und Expertenbefragung im Rahmen der Erstellung des „Zukunftsplanes 60plus“. Hier zeichnete sich ein verzerrendes Bild ab, da insbesondere die kleinen Stadtteile nur wenige Versorgungsmöglichkeiten bieten. Auch der ÖPNV kann in ländlichen Bereichen nur unter Zurückstellung des Wirtschaftlichkeitsgedankens eine Grundversorgung sicherstellen. Der Ärztemangel im ländlichen Raum hat sich in den vergangenen Jahren leider als bundesweites Problem etabliert

 

4.    Seniorenwohnberatung

 

Zum 01.September 2008 wurde die Seniorenwohnberatungsstelle im Seniorenbüro eingerichtet. Hier beraten 2 zertifizierte Wohnberaterinnen (je 0,5 Stellenanteile) zu allen Fragen des Wohnens im Alter. Ziel der Beratung ist es, das selbständige Wohnen und die selbständige Haushaltsführung in der eigenen Wohnung und dem sozialen Umfeld zu erhalten, zu fördern oder wieder herzustellen. Das Angebot endet jedoch nicht mit einer Beratung. Auf Wunsch und in geeigneten Fällen erfolgt eine weitere Begleitung. Wenn es die Situation erfordert, können sozialpädagogische Unterstützungen in Anspruch genommen werden, um der jeweiligen Lebenssituation gerecht zu werden.

 

Im Rahmen der Wohnberatung findet eine Analyse der Wohnsituation statt und es können Empfehlungen zur Ausstattungsverbesserung, zu Umbauten, Finanzierung und Fördermitteln gegeben werden. Auch die Beratung zu alternativen Wohnformen sowie die Begleitung und Unterstützung bei Wohnraumanpassungsmaßnahmen und die Koordination eines erforderlichen Wohnungsumzuges gehören zur Angebotspalette der Beraterinnen. Immerhin kann sich heute jeder 4. Seniorenhaushalt in Deutschland einen Umzug in eine geeignete Wohnung vorstellen. Aber auch schon kleine und kostengünstige Maßnahmen wie das Anbringen von Handläufen, Stützelementen in Bädern oder das Umräumen von Mobiliar führen zur Barrierereduzierung und damit zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität.

 

Das Angebot erfreut sich einem immer breiteren Interesse. Lag die Zahl der Beratungen von Bürgerinnen und Bürgern im Jahr 2009 noch bei 84 (reine Beratungen ohne Fallmanagement, Hausbesuche oder institutionelle Beratungen), stieg diese im Jahr 2010 auf 136 Beratungen an. Wesentlicher Beratungsbedarf ergab sich in Bezug auf:

 

 

Wesentliche Beratungsthemen (Privatpersonen) in 2010

 

Umbauten privat

29

betreutes Wohnen

16

Seniorenwohnungen

40

Umzugshilfen,          davon

40

?         Umzugsdurchführung

5

?         Umzugshilfe -  Geldleistung

10

Hilfsmittel

3

 

Daneben wurden 17 Vortrags- oder Sonderveranstaltungen rund um den Themenkreis „Wohnen im Alter“ angeboten, die von durchschnittlich 34 Interessierten je Veranstaltung besucht wurden.

 

Die Seniorenwohnberatung ist eine wesentliche Schnittstelle zur Wohnungswirtschaft, zu privaten Vermietern sowie Mietern und Eigentümern von selbst genutztem Wohnraum. Insbesondere die Zusammenarbeit mit der Wohnbau Salzgitter ist sehr konstruktiv, da den Umbauwünschen der Mieterschaft unbürokratisch Rechnung getragen wird.

 

 

5.    Zukunftsplan 60plus

 

1990 wurde von Prof. Dr. Strang von der Universität Hildesheim ein Gutachten zur Altenhilfe in Salzgitter vorgelegt. Dieses Gutachten wurde im Jahr 2007 mit dem „Zukunftsplan 60plus“ fortgeschrieben und eine aktuelle Analyse, basierend auf einer Bürger- und Expertenbefragung sowie auf zahlreichen Arbeitskreisen unter Beteiligung von Politik, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden und anderen Experten, durchgeführt.

 

Der „Zukunftsplan 60plus“ beinhaltet unter anderem auch Aussagen zum Thema „Wohnen und Umfeld“ und geht differenziert auf die Situation in den Stadtteilen ein. Viele Maßnahmevorschläge konnten bereits aufgenommen und umgesetzt werden (s. Mitteilungsvorlage Nr. 4354/15).

 

6.    Weitere Schritte

 

Die Verwaltung wird im Frühjahr 2011 die Wohnungswirtschaft und andere Experten zu einem „Runden Tisch“ einladen. Hier sollen aktuelle Probleme, aber auch mögliche Projekte erörtert werden. Im Vorfeld dieser Veranstaltung soll eine differenzierte und repräsentative  Bürgerbefragung zur Klärung der Bedarfssituation beitragen.

 

Überdies werden sich innerhalb des Prozesses der strategischen Neuausrichtung der Stadt Salzgitter zwei Arbeitsgruppen zu den Leitlinien „Wohnen und Infrastruktur“ sowie „Alt und aktiv“ im 2. Teil des Arbeitsprogramms des Oberbürgermeisters u. a. mit Vorhaben und Wirkfaktoren zu diesem Thema beschäftigen.

 

Über die Ergebnisse wird die Verwaltung zeitnah berichten.

 

 

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